„Wahrheit und Dialog – Schlüssel zur Verständigung“

Interview mit dem Bundesvorsitzenden der Ost- und Mitteldeutschen Vereinigung der CDU/CSU Helmut Sauer (Salzgitter) in der "Oberschlesischen Stimme" Nr. 19/2011. Er besichtigte eine Ausstellung in Ratibor.

Herr Sauer, Sie haben sehr lebendig über die Ausstellung gesprochen, so als ob Sie ewig in Ratibor leben. Wie hat Ihnen die Ausstellung gefallen?

Innerlich bin ich aufgewühlt. Meine Mutter stammt aus Ratibor und sie hat uns Kindern immer von ihrer Heimat erzählt. 1973 war ich das erste Mal mit ihr wieder hier in Ratibor, und die Gebäude habe ich fast alle hier gekannt, ich konnte ihr z.B. sagen, wo welches Gebäude hier in Ratibor steht, daran können sie erkennen, wie uns die Mutter die Heimat dargestellt hat. Deswegen ist man auch so ein kleiner Ratiborer geworden.

Den Eindruck habe ich auch - Ratiborer im Herzen, obwohl Sie in Salzgitter wohnen.

Ja, ich wohne in Salzgitter, ich bin zwar noch hier in Schlesien geboren, am Heiligabend 1945. Dann war aber am 28. April die Vertreibung. Am 3. Mai, also nach wenigen Tagen, sind wir schon in Niedersachsen angekommen. Ein Bild von der Liebfrauenkirche, wo meine Eltern 1942 getraut worden sind, hing aber immer bei uns in der Wohnung.

Sie sind Bundesvorsitzender der Ost- und Mitteldeutschen Vereinigung. Das ist eine innerparteiliche Interessenvertretung von Mitgliedern der CDU/CSU, die aus den ehemaligen Ostgebieten und der sowjetischen Besatzungszone stammen. Was sind die Ziele und Aufgaben der Vereinigung?

Zunächst einmal die Interessen der Heimatvertriebenen, Flüchtlinge und der Aussiedler in die CDU/CSU hineinzutragen. Die ersten Transporte von Aussiedlern kamen 1957-58, dann noch in den 70er Jahren. Erstmals eine soziologische Gemeinschaft zu bilden, so wie die Jüngeren die Junge Union haben, die Frauen haben die Frauen Union, die Arbeitnehmer haben die CDU-Sozialausschüsse, so haben wir, die aus dem Osten vertrieben wurden, diese Gemeinschaft gegründet, und wir tragen unsere Interessen in die Partei hinein. Das betraf in den ersten Jahren die Beseitigung der Not. Und nachdem wir weitgehend integriert sind auch wirtschaftliche Interessen. Jetzt geht es mehr um den Erhalt der ostdeutschen Kultur in Deutschland. Schlesien, Pommern, Ostpreußen, das ist ein Teil der deutschen Gesamtkultur. Sei es Eichendorff, Gerhart Hauptmann oder ostpreußische Dichter, die wollen wir erhalten und diese Kultur auch fortentwickeln. Hier sind wir tätig. In der späteren DDR durfte man den Begriff „Vertreibung" nicht benutzen; das waren die "Umsiedler". Und es stand auch gar nichts in den historischen Büchern von dem, was 1945-46 passiert ist.

Sie sind ja sehr stark engagiert, Sie sind auch Vizepräsident des Bundes der Vertriebenen. Das Leitwort 2011 ist „Wahrheit und Dialog - Schlüssel zur Verständigung", was ist da konkret geplant?

Ich appelliere an die Staaten, aus denen die Deutschen vertrieben wurden. Das betrifft nicht nur Polen, das betrifft genauso Tschechien, die Slowakei, Ungarn, und zum Teil Rumänien, wo wir unseren Politikern etwas klar machen müssen. Wir haben den Außenminister Westerwelle in Berlin, und wir haben die Regierungschefs in Warschau, Prag und so weiter, denen wir sagen: Wenn ihr sprecht, dann nicht über uns, sondern mit uns. Das muss eine Selbstverständlichkeit sein! Jetzt lobe ich die polnische Regierung: Wenn die polnische Regierung nach Berlin fährt, nimmt sie den Abgeordneten Galla von der deutschen Minderheit mit, der sich mit den Angelegenheiten der in Polen lebenden deutschen Minderheit auskennt. Also nochmal, sprecht nicht über uns, sondern mit uns! Deswegen auch der Dialog auf der Basis der Wahrheit.

Was denken Sie über die negative Aussage von J. Kaczyński über die Autonomiebestrebungen in Oberschlesien und die Bezeichnung der Schlesier als eine Gefährdung des Nationalstaates?

Ich muss Ihnen gestehen, ich kenne dieses Vorhaben, das da aus Kattowitz stammt, nicht bis ins einzelne. Deswegen möchte ich generell sagen: Unsere Landsleute hier sind in erster Linie jetzt polnische Staatsbürger, die natürlich auch von der Geburt oder von der Familientradition her eine deutsche Gesinnung haben. Sie sind aber ordentliche polnische Staatsbürger, die ihre Pflicht erfüllen und zu diesem Staate stehen. Die Äußerung, als ob die Deutschen in Oberschlesien eine fünfte Kolonne seien, das ist eine nicht zu billigende Äußerung. Ich weiß, wie treu die Deutschen zu diesem Staate hier stehen und ihnen jetzt zu bescheinigen, sie wären keine treuen polnischen Staatsbürger, das ist einfach ungerecht.

Die deutsche Volksgruppe hat nicht ohne Grund Kaczyński angezeigt. Ist das Thema auch in den deutschen Medien aufgegriffen worden?

Die Anzeige von Herrn Gaidas Seite aus ist in den deutschen Zeitungen sehr groß herausgekommen, auch die „Welt" hat darüber berichtet.

2002 haben sich ca. 153.000 als Deutsche bezeichnet; die deutsche Botschaft in Warschau geht aber von 300.000 Deutsche in Polen aus. Was meinen Sie, wie jetzt die Volkszählung ausfallen wird?

Ich bin damals bei der Volkszählung hier im Land gewesen. Ich will keine Vorwürfe erheben, die ich nicht belegen kann, aber wenn die Zähler in die Familien kommen und selber ankreuzen, und zwar mit einem Bleistift, was die Familie geäußert hat, ob sie Deutsche, Polen oder noch etwas anderes sind... Den Bleistifteintrag kann man ja wunderbar wegmachen und dann mit dem Kugelschreiber etwas anderes reinschreiben. Diese ganze Zählung damals ist mir sehr eigenartig vorgekommen. Die zweite Sache ist, dass noch viele Angst haben, sich zum Deutschtum zu bekennen. Ich hoffe, dass diese Zählung korrekter verlaufen wird, als die vor einigen Jahren, und dass die Menschen den Mut haben, sich zum Deutschtum zu bekennen.

Vor kurzem war die Landtagswahl und die Grünen haben in Baden-Württemberg ziemlich gut abgeschnitten, sehr zu Lasten der CDU.

Ja, es ist eine offene Wunde. Es ist schmerzhaft, wenn die CDU nach über 58 Jahren die Regierung verliert. Wir werden uns sehr anstrengen müssen.

Ich bedanke mich für das Interview, aber auch für die lebhafte Erzählung und die Geschichten über die Gebäude Ratibors während der Besichtigung der Ausstellung.

Mit Helmut Sauer sprach Nicole Kempe. Veröffentlichung des Interviews auf dieser Seite mit ausdrücklicher Genehmigung der "Oberschlesischen Stimme".